Beobachtet man eine Boeing 777X im Flug, fällt etwas fast schon beunruhigend auf: Die Tragflächen biegen sich. Und zwar stark. Bei Windböen schweben die Flügelspitzen meterhoch über dem Boden und geben nach wie ein Sprungbrett. Passagiere, die das noch nie gesehen haben, staunen manchmal. Doch diese enorme Biegung ist kein Fehler und kein Zeichen von Überlastung – Boeing hat die Tragflächen genau so konstruiert. Und wenn die 777X zum Gate rollt, tun diese riesigen Tragflächen etwas, was noch nie zuvor ein Verkehrsflugzeug getan hat: Sie klappen zusammen.
Kurzinfo
- Flugzeug: Boeing 777X (777-9), das größte zweistrahlige Verkehrsflugzeug
- Flügel: neuer Flügel aus Kohlefaserverbundwerkstoff, Spannweite ~72 m, verlängert
- Falttipps: Zusammenklappen am Gate auf ca. 64,9 m – eine Premiere für ein Verkehrsflugzeug
- Biegen: konstruiert, um sich um etwa 7,9 m (26 Fuß) nach oben zu biegen.
- Motoren: GE9X, die größten kommerziellen Strahltriebwerke nach Lüfterdurchmesser
- Status: Erstflug im Januar 2020; Inbetriebnahme verzögerte sich bis Mitte der 2020er Jahre.
Der Clip, der diesen Beitrag inspiriert hat – @speedbirdhd auf Instagram.
Warum sich der Flügel so stark biegt
Der Flügel der 777X ist länger und deutlich schlanker als der Metallflügel, den er ersetzt, und besteht fast vollständig aus Kohlefaserverbundwerkstoff. Diese Kombination – lang, dünn und aus einem Material mit Rückstellvermögen – ermöglicht seine extreme Flexibilität. Boeing bezeichnet ihn als "unbeschränkten" Flügel, und die Flexibilität ist ein beabsichtigtes Merkmal, kein Mangel.
Ein steifer Flügel kämpft gegen Turbulenzen an und überträgt jeden Stoß auf die Flugzeugzelle und die Passagiere. Ein flexibler Flügel hingegen passt sich den Turbulenzen an, indem er sich biegt, um Böen abzufangen, und anschließend zurückfedert. Dies sorgt für einen ruhigeren Flug und reduziert Luftwiderstand und Ermüdung. Je effizienter ein Flügel mit der Luft mitschwingen kann, desto weniger Treibstoff verbraucht das Flugzeug und desto angenehmer fühlt sich der Flug an.

Die GE9X-Triebwerke, der Flügel und der Rumpf der 777X, erklärt.
Und warum es sich faltet
Der Bau einer so großen Tragfläche hat jedoch einen Haken. Mit fast 72 Metern Spannweite ist die 777X zu groß für die Standard-Flughafengates, die derzeit für 777er üblich sind. Anstatt die Fluggesellschaften zum Umbau ihrer Gates zu zwingen, griff Boeing auf einen Trick von Flugzeugträgern zurück: klappbare Flügelspitzen. Am Boden werden die äußeren Meter jeder Tragfläche nach oben geklappt, wodurch sich die Spannweite auf etwa 65 Meter reduziert und das Flugzeug in dieselben Gates wie sein Vorgänger passt.
Die Flügelspitzen klappen automatisch ein, sobald das Flugzeug unter die Rollgeschwindigkeit abbremst. Vor dem Start müssen sie verriegelt und die Arretierung bestätigt werden – ein System, das die Aufsichtsbehörden vor der Zulassung eingehend geprüft haben. Es ist das erste Mal, dass Flugpassagiere zusehen können, wie sich ihre eigenen Flügel wie die eines Vogels beim Landen und Strecken ein- und ausklappen.

Bis zum Bruch getestet
Falls Ihnen ein sich biegender Flügel immer noch Sorgen bereitet, bedenken Sie, wie extrem Boeing ihn vor der Zulassung testete. Bei Bodentests belasteten die Ingenieure den Flügel weit über die Belastung hinaus, die ein Flug jemals mit sich bringen könnte – sie bog ihn bis zu 150 Prozent der maximalen Belastung durch, der das Flugzeug im Betrieb ausgesetzt sein würde, bis er schließlich brach. Bei einem berühmten Test riss unter dieser extremen Belastung sogar eine Rumpftür. Der Sinn des Bruchs eines Flügels am Boden besteht darin, sicherzustellen, dass in der Luft kein Flügel bricht.
Wenn Sie also das nächste Mal sehen, wie sich die Tragfläche einer 777X nach oben biegt, können Sie beruhigt sein. Die Tragfläche verhält sich genau so, wie es uns ein Jahrhundert Luftfahrttechnik gelehrt hat: Sie biegt sich, bricht nicht und faltet sich nach dem Flug sauber zusammen.
Warum die Boeing 777X klappbare Flügelspitzen hat.
Der Erstflug der 777X.
Quellen: CNN; Popular Science; Simple Flying; Aerospace Testing International; Boeing.




0 Kommentare