Ende der 1920er-Jahre beobachtete ein junger Mann namens Willard Custer, wie ein Sturm das Dach einer Scheune abriss. Das Dach glitt nicht wie ein Flugzeug nach vorn und hob sich; es richtete sich einfach senkrecht auf, als der Wind darüber hinwegfegte. Custer hatte eine Erkenntnis, die ihn sein ganzes Leben lang beschäftigen sollte: Vielleicht ist es nicht die Geschwindigkeit des Flügels durch die Luft, die den Auftrieb erzeugt, sondern die Geschwindigkeit der Luft über dem Flügel.
Aus dieser Idee entstand einer der seltsamsten Flügel, die je geflogen sind: ein Paar halbe Fässer mit darin versteckten Propellern.
Kurzinfo
- Flugzeug: der Custer Channel Wing, am bekanntesten ist der CCW-5
- Erfinder: Willard Custer, Urenkel von General George Custer
- Die Idee: Halbtonnenflügelkanäle mit Druckpropellern zur Erzeugung von Auftrieb bei nahezu Nullgeschwindigkeit
- CCW-1 Erstflug: 12. November 1942; CCW-5 absolvierte seinen Erstflug im Juli 1953
- Behauptet: Start in ca. 100 Fuß, kontrollierbarer Flug von 22 bis 200 mph
- Ergebnis: Es wurden nur wenige Exemplare gebaut; nie in Serie gefertigt.
Der halbe Fassflügel
Custer – ein Urenkel des berühmten Generals Custer aus der Schlacht am Little Bighorn – nannte sein Prinzip “Aerophysik”. Seine Lösung war ein Flügel in Form einer halbkreisförmigen Rinne, an deren Hinterkante jeweils ein Druckpropeller angebracht war. Der Propeller saugte Luft mit hoher Geschwindigkeit durch die Rinne, und nach Custers Logik erzeugte schnell strömende Luft Auftrieb, unabhängig davon, ob sich das Flugzeug vorwärts bewegte.
Sein erster Prototyp in Originalgröße, die CCW-1, hob am 12. November 1942 mit zwei kleinen 75-PS-Motoren ab. Custer kürzte die äußeren Tragflächen immer weiter, um zu beweisen, dass die Luftkanäle für den Auftrieb sorgten, und das Flugzeug flog über 300 Stunden. Bei starkem Wind konnte es fast senkrecht steigen.

Der CCW-5
Der ultimative Kanalflügel war die CCW-5, ein formschöner fünfsitziger Zweisitzer, der auf dem Rumpf einer Baumann Brigadier basierte. Der Erstflug fand im Juli 1953 statt. Die Maschine hob nach einer Rollstrecke von etwa 30 Metern in rund drei Sekunden ab, flog kontrolliert bis zu einer Geschwindigkeit von 35 km/h und konnte bei Geschwindigkeiten, bei denen jedes andere Flugzeug abstürzen würde, steile Kurven fliegen – und das alles ohne Landeklappen oder ähnliches. Aerodynamisch war sie ein voller Erfolg.
Kommerziell hatte es nie eine Chance. Custer verbrachte Jahrzehnte damit, den großen Herstellern seinen Flügel anzubieten, und stieß dabei auf höfliche Skepsis, und Schlimmeres. Ein Manager, der ihn traf, hinterließ eine ungewöhnlich offene Einschätzung.

Spinner oder Visionär?
Die Luftfahrtindustrie hielt Custer weitgehend für einen Spinner – einen Außenseiter mit vollmundigen Behauptungen und dürftigen Daten, der zwar gut verkaufen konnte, aber weniger Ingenieure überzeugen. Seine Firma baute nur ein einziges Serienflugzeug vom Typ CCW-5, bevor sie Konkurs anmelden musste, und Custer starb 1985, ohne seinen Traum verwirklicht zu haben.
Und doch war die Idee nicht ganz tot. In den 2000er-Jahren untersuchten Forscher der NASA und des Georgia Institute of Technology den Kanalflügel mit modernen Methoden erneut und erkannten sein Potenzial. Sie schlugen sogar vor, eine modernisierte Version könne mit Kipprotorflugzeugen wie der V-22 Osprey zu einem Bruchteil der Kosten konkurrieren. Der exzentrische Erfinder lag womöglich näher an der Wahrheit, als seine Kritiker je zugaben.
Quellen: Robert Guttman, “Warum Willard Custers einzigartiger Channel Wing nie abhob”, Aviation History magazine (HistoryNet); Wikipedia (Custer CCW-5; Willard Ray Custer).




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