Laut einer Analyse von RAND könnten allein Ölengpässe die russische Kriegsmaschinerie zum Erliegen bringen – ähnlich wie Angriffe auf die Treibstoffinfrastruktur Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg lahmlegten. Eine Armee, der der Treibstoff ausgeht, kann nicht weiterkämpfen.
Michael Bohnert — Analyst, RAND Corporation (sinngemäß)
Kurzinfo
Parallele zum Zweiten Weltkrieg: Die alliierte Öloffensive (1944–45) zerstörte die deutsche Produktion synthetischer Treibstoffe und legte die Luftwaffe lahm.
Angriffstempo der Ukraine: Von alle 2–3 Tage (2025) bis nahezu täglich (2026)
Reparaturzeiten: Verdoppelt von ca. 2 Wochen (2025) auf ca. 4 Wochen pro Streik (2026).
Kapazität offline: Reuters schätzt, dass etwa ein Sechstel der russischen Raffineriekapazität stillgelegt ist; Bohnert von RAND beziffert sie auf 25–381 Tonnen pro 100 Tonnen mit steigender Tendenz.
Wichtigste Waffen: An-196 Liutyi und andere Langstreckendrohnen (Reichweite über 1000 km)
Russische Antwort: Putin machte öffentlich das Verteidigungsministerium verantwortlich; Treibstoffrationierung in Dutzenden von Regionen
Von alle zwei Tage auf jeden Tag
Im Jahr 2025 griffen ukrainische Drohnen russische Ölraffinerien etwa alle zwei bis drei Tage an. 2026 haben sich die Angriffe auf fast tägliche Frequenz intensiviert. Die Explosionen sind stärker, die Schäden gravierender und die Reparaturzeiten haben sich verdoppelt – von geschätzten zwei Wochen pro Angriff im Jahr 2025 auf etwa vier Wochen im Jahr 2026, so die Analyse von Bohnert. Ukrainische Drohnen für Tiefenangriffe, wie die An-196 Ljutyi, fliegen mittlerweile Hunderte und in manchen Fällen weit über tausend Kilometer tief in russisches Gebiet ein und greifen Raffinerien, Lager, Flugplätze und Rüstungswerke an. Das ukrainische Verteidigungsministerium meldete allein im Mai weit über tausend Langstreckenangriffe. Die Folgen sind aus dem Weltraum sichtbar – und an den Warteschlangen an russischen Tankstellen. Reuters schätzt, dass die Streiks rund ein Sechstel der russischen Raffineriekapazität lahmgelegt haben. Die Treibstoffrationierung hat sich auf Dutzende von Regionen ausgeweitet. Videos in russischen sozialen Medien zeigen Autofahrer, die stundenlang um Treibstoff kämpfen.Die Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg
1944 starteten die US-Luftstreitkräfte die Ölkampagne – eine systematische Aktion zur Zerstörung der deutschen Produktion synthetischer Treibstoffe. Die Folgen waren für die Wehrmacht katastrophal. Die deutsche Flugkraftstoffproduktion brach von 175.000 Tonnen pro Monat auf 17.000 Tonnen ein – ein Einbruch um 90 Prozent. Die Luftwaffe, die zu diesem Zeitpunkt noch über Tausende von Flugzeugen verfügte, wurde mangels Treibstoff stillgelegt. Panzerdivisionen, die einen sowjetischen Vormarsch aufhalten sollten, wurden bewegungsunfähig gemacht und überrannt, weil ihnen der Treibstoff fehlte.
Putins Problem der Lufthoheit
Die Parallele zur aktuellen Situation in Russland wird immer deutlicher. Ähnlich wie Nazi-Deutschland nach 1944 hat Putin die volle Kontrolle über den Luftraum seines eigenen Territoriums verloren. Ukrainische Langstreckendrohnen – billig, zahlreich und immer ausgefeilter – können Ziele tief im russischen Hinterland erreichen, darunter auch Moskau selbst. Russlands Luftverteidigungsnetz, das eigentlich Marschflugkörper und bemannte Flugzeuge abwehren soll, hat gegen die tief fliegenden, radargestützten Drohnenschwärme, die die Ukraine in Wellen einsetzt, große Schwierigkeiten. Ähnlich wie die deutschen Arbeiter, die Anlagen zur Herstellung synthetischer Kraftstoffe notdürftig reparieren, befinden sich auch die russischen Reparaturtrupps in einem Teufelskreis aus Reparatur und erneutem Streik. Bohnerts Analyse legt nahe, dass sich mit zunehmender Reparaturdauer und Streikhäufigkeit der kumulative Effekt nicht linear, sondern exponentiell verstärkt – jeder neue Streik trifft ein System, das weniger Zeit hatte, sich vom vorherigen zu erholen."Irgendwann fallen die Maschinen aus, es gibt keinen Ersatz, und das System bricht zusammen. Ich will nicht vorhersagen, wann das passieren wird. Aber je länger die Angriffe andauern, desto näher rückt dieser Moment."
Michael Bohnert — Militäranalyst, RAND Corporation
Die Zahlen
Bohnert schätzt, dass bereits 25 bis 38 Prozent der russischen Raffineriekapazität stillgelegt sind und die Zahl weiter steigt. Er warnt, dass Russland über keine vergleichbaren Reserven verfügt, um einen derart massiven Kapazitätsverlust aufzufangen. Russland produziert weitaus mehr Rohöl, als es im Inland verarbeitet, doch Rohöl allein kann weder Panzer noch Flugzeuge oder Lkw antreiben. Es muss erst raffiniert werden, und genau hier verschärft sich der Engpass. Das Institute for the Study of War (ISW) – eine in Washington ansässige Denkfabrik, die den Konflikt täglich verfolgt – hat festgestellt, dass Russland in den letzten Wochen trotz Putins gegenteiliger Behauptungen tatsächlich mehr Territorium verloren als gewonnen hat.Putins Antwort: Das Ministerium ist schuld.
Auf die Frage nach den Maßnahmen gegen die Angriffe wich Putin aus: Die “Hauptverantwortung” liege selbstverständlich beim Verteidigungsministerium. Bohnert hält dies für aufschlussreich. “Wenn ein Staatsoberhaupt öffentlich die Schuld für ein strategisches Problem zuweist, das es selbst nicht gelöst hat, zeigt das, dass das Problem größer ist, als irgendjemand zugeben will.”Wird sich die Geschichte wiederholen?
Die alliierte Öloffensive beendete den Krieg nicht von allein. Doch sie machte sein Ende unausweichlich. Panzer ohne Treibstoff sind Schrott. Flugzeuge ohne Kerosin sind Museumsstücke. 1944/45 stieg die deutsche Jagdflugzeugproduktion sogar an, obwohl die Luftwaffe schrumpfte – weil es an Flugzeugen mangelte. Ob sich die Geschichte über Russlands Raffinerie-Kernland wiederholt, bleibt abzuwarten. Doch die Entwicklung, die Analysen von Experten und die Parallelen deuten alle in dieselbe Richtung. Und die Fahrer, die sich in russischen Internetvideos um Treibstoff streiten, spüren als Erste, was ihnen bevorstehen mag.Verwandte Fragen
Warum ist der Vergleich mit der Ölkampagne im Zweiten Weltkrieg relevant?
Die alliierten Bombenangriffe auf deutsche Anlagen zur Herstellung synthetischer Treibstoffe in den Jahren 1944/45 führten zu einem Einbruch der Flugbenzinproduktion um 90 Prozent und legten die Luftwaffe lahm, obwohl Deutschland weiterhin Tausende von Flugzeugen produzierte. Der ukrainische Drohnenangriff auf russische Raffinerien folgt derselben strategischen Logik: Zerstörung der Treibstoffverarbeitungskapazitäten, um ein darauf angewiesenes Militär bewegungsunfähig zu machen.
Wie viel russische Raffineriekapazität hat die Ukraine tatsächlich ausgeschaltet?
Reuters schätzt, dass derzeit etwa ein Sechstel (rund 16 Prozent) der russischen Raffineriekapazität aufgrund von Drohnenangriffen außer Betrieb ist. Der Analyst Michael Bohnert von der RAND Corporation geht davon aus, dass zwischen 25 und 38 Prozent der russischen Raffineriekapazität derzeit stillgelegt sind und die Ausfallrate weiter steigt.
Welche Drohnen setzt die Ukraine für diese Angriffe ein?
Die Ukraine setzt verschiedene im Inland entwickelte Langstrecken-Kampfdrohnen ein, darunter die An-196 Ljutyi, die über 1.000 km weit in russisches Territorium eindringen kann. Allein im Mai 2026 führte die Ukraine über tausend Langstreckenangriffe durch.
Warum kann Russlands Luftverteidigung die Drohnen nicht stoppen?
Russlands integriertes Luftverteidigungsnetz wurde primär zur Abwehr von Marschflugkörpern und bemannten Flugzeugen in mittleren bis großen Höhen konzipiert. Ukrainische Drohnen fliegen tief, in Schwärmen und nutzen unvorhersehbare Flugbahnen, was ihre Ortung und Bekämpfung mit herkömmlichen Systemen wie dem S-300 oder S-400 erschwert.
Quellen: RAND Corporation (Michael Bohnert), Reuters, Meduza, Institute for the Study of War (ISW), US Strategic Bombing Survey, PBS, Fortune
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