Stellen Sie sich die Deutschlandhalle in Berlin im Februar 1938 vor. Die Halle ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Auf dem Boden steht ein Gefährt, das aussieht wie ein leichtes Schulflugzeug, dem die Tragflächen abhandengekommen sind und das stattdessen zwei riesige, dreiflügelige Rotoren an Stützstreben trägt. Eine zierliche junge Frau steigt in das offene Cockpit. Der Motor heult auf, die Rotoren schnappen nach Luft, und die Maschine hebt einfach ab – senkrecht nach oben, ohne Anlauf, ohne Rampe. Sie dreht sich auf der Stelle, driftet vor und zurück und umkreist die Halle, bevor sie sanft auf dem Boden aufsetzt.
Die Frau war Hanna Reitsch, und die Maschine war eine Focke-Wulf Fw 61. Was die Zuschauer sahen, war kein Stunt im herkömmlichen Sinne. Es war der erste öffentliche Beweis dafür, dass ein Hubschrauber mit der gleichen lässigen Souveränität geflogen werden kann, die ein Pilot von einem Flugzeug erwartet. Die dahinterstehende Technik war jedoch alles andere als improvisiert.
- Erster freier Flug: 26. Juni 1936 in Bremen, Testpilot Ewald Rohlfs
- Konfiguration: Zwei dreiblättrige Rotoren nebeneinander auf Stützen, die sich in entgegengesetzte Richtungen drehen, um das Drehmoment aufzuheben.
- Antrieb: ein Bramo (Siemens) Sh 14A Sternmotor mit ca. 160 PS; der kleine Bugpropeller diente lediglich der Kühlung des Motors.
- Konstrukteur: Professor Henrich Focke, dessen Firma Focke-Achgelis der Maschine den Alternativnamen Fa 61 gab.
- Öffentliche Sensation: Im Februar 1938 von Hanna Reitsch in die Berliner Deutschlandhalle geflogen
- Rekorde: Vor dem Krieg erreichte es eine Höhe von 3.427 m und eine Luftlinie von 230 km.
Von Tragschrauberlizenzen bis hin zu einem angetriebenen Rotor
Die Fw 61 entstand nicht aus dem Nichts. Professor Henrich Focke – Henrich, nicht Heinrich – hatte in Bremen in Lizenz Cierva-Tragschrauber gebaut und daraus eine klare Schlussfolgerung gezogen: Der Tragschrauber war eine Sackgasse. Sein Rotor war unmotorisiert und drehte sich frei im Luftstrom, sodass er weder wirklich schweben noch senkrecht steigen konnte. Der einzige Ausweg war ein direkt vom Motor angetriebener Rotor. Das ist die Definition eines Hubschraubers, und Focke machte sich daran, einen zu bauen.
Ein freifliegendes Modell im Maßstab 1:30 absolvierte 1934 einen erfolgreichen Flug und erreichte eine Höhe von etwa 18 Metern; es ist heute im Deutschen Museum in München erhalten. Aufgrund dieses Erfolgs bestellte das Reichsluftfahrtministerium 1935 einen Prototyp in Originalgröße. Anstatt einen Rumpf von Grund auf neu zu konstruieren, nutzte Focke die bewährte Flugzeugzelle des Schulflugzeugs Focke-Wulf Fw 44 Stieglitz und montierte sein Rotorsystem daran.
Wie die Fw 61 tatsächlich funktionierte
Hier liegt der Fehler, den die meisten Laienberichte machen, daher sei es hier klargestellt: Die Fw 61 ist ein Hubschrauber. Ihr Auftrieb stammte ausschließlich von den beiden großen Rotoren mit je drei beweglichen Blättern, die an rohrförmigen Stahlträgern links und rechts des Rumpfes montiert waren. Ein einzelner Sternmotor trieb beide Rotoren über ein Getriebe und Wellen an. Die Rotoren drehten sich in entgegengesetzte Richtungen, und diese gegenläufige Rotation hob das Drehmoment auf, das das gesamte Fluggerät sonst in Rotation versetzt hätte.
Ein zweiter, kleiner Propeller befindet sich in herkömmlicher Weise im Bug. Man könnte leicht annehmen, dass dieser die Maschine antrieb. Dem war aber nicht so. Er war auf kaum mehr als den Durchmesser der Motorzylinder reduziert und diente einzig und allein dazu, den Sternmotor im Langsamflug und im Schwebeflug mit Kühlluft zu versorgen, da ein Bugkühler in dieser Zeit keinen natürlichen Luftstrom erhält. Sein Vorwärtsschub war vernachlässigbar. Die Steuerung erfolgte ausschließlich über die Rotoren.
Erster Flug und das Rekordbuch
Unter der Steuerung von Ewald Rohlfs absolvierte der erste Prototyp am 26. Juni 1936 seinen ersten freien Flug. Er dauerte weniger als eine Minute, aber das reichte aus. Ein zweites Flugzeug folgte, und im Mai 1937 landete der Typ erstmals per Autorotation mit abgeschaltetem Motor – eine entscheidende Sicherheitsdemonstration.
Dann begannen die Rekorde. Im Juni 1937 flog Rohlfs mit der Fw 61 über 2400 m hoch und blieb weit über eine Stunde in der Luft. Im Oktober 1937 flog Reitsch mit ihr 109 km in gerader Linie von Bremen nach Berlin. Das Programm erreichte schließlich eine Luftliniendistanz von 230 km und eine Höhe von 3427 m und übertraf damit die bisherigen sowjetischen Werte deutlich. Es handelte sich um echte Hubschrauberflüge: Focke musste dies bestätigen, da Skeptiker im Ausland vermuteten, die Maschine sei in Wirklichkeit ein Tragschrauber.

Hanna Reitsch in der Deutschlandhalle
Die Idee für die Hallenflüge stammte von Ernst Udet, dem Leiter der technischen Abteilung des Luftfahrtministeriums, und das Ziel war legitim: vor einem internationalen Publikum zu beweisen, dass der Hubschrauber vollständig steuerbar war. Flüge in einer geschlossenen Halle lassen keinen Spielraum. Es gibt keinen Wind, der hilft, die Luft ist turbulent und zirkuliert, und die Wände sind stets nah. Nur eine Maschine, die sofort auf ihre Steuerung reagiert, und ein Pilot, der ihr absolut vertraut, konnten dies bewältigen.
Reitsch tat dies und wiederholte die Vorführung an aufeinanderfolgenden Abenden vor Tausenden von Zuschauern. Wochenschauaufnahmen des kleinen Hubschraubers, der über der Arena kreiste, gingen um die Welt. Ihr selbst war das ganze Spektakel etwas peinlich, doch die Tragweite begriff sie erst viel später – eine Erinnerung daran, dass dieses unscheinbare Stück Technik für einen Moment zu einem der berühmtesten Fluggeräte der Welt geworden war.
Was die Fw 61 war und was danach kam
Es ist wichtig, die Fw 61 nicht mit den nachfolgenden Maschinen zu verwechseln. Von ihr wurden nur zwei Exemplare gebaut, und beide waren reine Experimente – einsitzige Testplattformen für Fockes Ideen, keine Dienstflugzeuge. Das Potenzial des Entwurfs führte stattdessen zur wesentlich größeren Focke-Achgelis Fa 223 Drache, einem echten Transporthubschrauber ganz anderer Dimension. Die von Focke an der Fw 61 erprobte Anordnung der Rotoren nebeneinander wurde bei allen Nachfolgemodellen beibehalten.
Keine der beiden originalen Fw 61 überstand den Krieg; eine maßstabsgetreue Nachbildung steht heute im Deutschen Hubschraubermuseum in Bückeburg. Noch bevor Igor Sikorskys VS-300 überhaupt amerikanischen Boden verlassen hatte, hatte ein deutscher Professor aus Bremen bereits einen Hubschrauber konstruiert, der schweben, steigen, ohne Triebwerk landen, Rekorde brechen und kontrolliert und ruhig zwischen den Mauern einer vollen Arena geflogen werden konnte.

Quellen: Wikipedia (Focke-Wulf Fw 61); Verteidigungsmediennetzwerk; aviastar.org; Hanna Reitsch, Der Himmel, mein Königreich. (Kontextvideos: Focke-Achgelis Fa 223 und Sikorsky R-4.)




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