Der Nazi-Kämpfer, der in einem Ring flog

von | 9. August 2026 | Geschichte & Legenden, Militärische Luftfahrt | 0 Kommentare

Im letzten Winter des Krieges, als alliierte Jagdflugzeuge deutsche Flugplätze fast nach Belieben beschossen, stellten sich die Ingenieure von Heinkel eine radikale Frage: Was wäre, wenn ein Jagdflugzeug überhaupt keinen Flugplatz bräuchte? Ihre Antwort, die zwischen 1944 und März 1945 ausgearbeitet wurde, war die Lerche – “Lerche” – ein Flugzeug, das auf seinem Heck stehen, senkrecht wie eine Rakete aufsteigen und in seinem eigenen Flügel verborgen fliegen würde.

Sie verließ nie das Reißbrettstadium. Doch als Zeugnis ingenieurtechnischer Fantasie bleibt die Heinkel Lerche eine der seltsamsten Maschinen, die das Dritte Reich je erdacht hat.

Kurzinfo

  • Typ: VTOL-Kampfflugzeug “Coleopter” mit Heckstartfunktion (Projektstudie)
  • Designer: Ernst Heinkel AG, 1944–1945
  • Flügel: ringförmig, die Propeller umschließend
  • Leistung: zwei Daimler-Benz DB 605 Motoren, gegenläufige Propeller
  • Pilot: lag mit dem Bauch auf der Nase
  • Status: Nie gebaut – nur ein Papierprojekt

Ein Flugzeug innerhalb eines Rings

Die Lerche gehörte zu einer seltenen Flugzeugklasse, den sogenannten Käferflugzeugen: einem Heckrotorflugzeug, dessen Tragfläche einen vollständigen Ring um den Rumpf bildete. Innerhalb dieses Rings trieben zwei Daimler-Benz DB 605-Kolbenmotoren zwei gegenläufige Propeller an. Der Pilot lag im Bug und blickte nach vorn. Am Boden balancierte die Maschine auf vier kleinen Leitwerken mit Lenkrollen.

Zum Fliegen würde es den Antrieb starten und senkrecht steigen, ohne Startbahn zu benötigen. Sobald es hoch genug wäre, würde es in den Horizontalflug übergehen und sich im Wesentlichen wie ein herkömmliches Flugzeug verhalten. Theoretisch löste es damit elegant das Problem der gefährdeten Flugplätze.

Modell des Heinkel Lerche VTOL-Kampfjets
Ein Modell der Heinkel Lerche im Hubschraubermuseum Bückeburg. Der Ringflügel umschloss die gegenläufigen Propeller. Foto: Wikimedia Commons

Das Problem war, dass es wieder herunterkam.

Senkrechtstarts waren theoretisch machbar. Landungen hingegen nicht. Um aufzusetzen, musste der Pilot den gesamten Vorgang umkehren – mit dem Heck voran sinken, sich über die Schulter nach hinten beugen, die Höhe über dem Boden fast ohne Sichtkontakt einschätzen und den Aufprall auf die kleinen Leitwerksflossen nicht abfedern. Selbst ein begabter Testpilot hätte damit Schwierigkeiten gehabt; ein hastig ausgebildeter Wehrpflichtiger aus Kriegszeiten war chancenlos.

“Das Vorhaben sah sich mit einer Reihe ungelöster Herstellungs- und Kontrollprobleme konfrontiert, die das Projekt selbst ohne die Materialknappheit im Nazideutschland der Spätphase des Krieges höchst unpraktisch gemacht hätten.”
Luftfahrthistoriker — auf dem Lerche-Entwurf

Eine Familie der Verzweiflung

Die Lerche entstand nicht isoliert. Sie war eines von mehreren deutschen “Punktverteidigungs”-Konzepten der Spätkriegszeit, die aus Wäldern und Trümmern aufsteigen und alliierte Bomber abfangen sollten – neben der propellergetriebenen Focke-Wulf Triebflügel und der raketengetriebenen Bachem Natter. Alle einte die gleiche Verzweiflung und alle das gleiche Schicksal: Der Krieg endete, bevor auch nur eine von ihnen zum Einsatz kam.

Detail des Heinkel-Lerche-Modells
Die Lerche würde zum Start auf ihrem Heck sitzen und dann in den Horizontalflug übergehen. Foto: Wikimedia Commons
“Die Heinkel Lerche stellte einen innovativen, aber letztlich unpraktischen Versuch dar, das Problem der Verwundbarkeit der Flugplätze der Luftwaffe durch Senkrechtstart- und -landetechnik zu lösen.”
Militärfabrik — historische Bewertung

Die Lerche erkannte ein echtes Problem – die Fragilität von Start- und Landebahnen – und suchte nach einer Lösung, die ihrer Zeit Jahrzehnte voraus war. Nachkriegs-Käfer wie der französische Entwurf SNECMA versuchten dasselbe und scheiterten aus genau demselben Grund: Ein Flugzeug, das auf dem Heck aufsetzt, sicher zu landen, ist weitaus schwieriger, als es in die Luft zu bringen. Die Lark war visionär und möglicherweise nicht flugfähig.

Quellen: Wikipedia; MilitaryFactory; David Myhra; Secret Projects Forum.

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