Hanois schwierige Entscheidung: Rafale oder Su-57

von | 27. Juni 2026 | Militärische Luftfahrt, Nachricht | 0 Kommentare

Sechzig Jahre lang war die Antwort auf die Frage “Was fliegt Vietnam?” einfach: Was Moskau verkaufte. MiGs, dann Suchois – eine stolze, rein russische Luftwaffe. 2026 steht diese Antwort erstmals ernsthaft infrage, und die Alternative klingt französisch.

Hanoi sucht nach einem neuen Kampfflugzeug, und die Auswahl hat sich auf zwei sehr unterschiedliche Maschinen verengt: die Dassault Rafale und die Suchoi Su-57. Auf dem Papier wirkt es wie eine reine Beschaffungsentscheidung. In der Praxis ist es jedoch eine der aufschlussreichsten strategischen Entscheidungen in Südostasien – denn mit der Wahl eines Kampfjets positioniert sich Vietnam auch politisch.

Der Druck ist nicht abstrakt. Jenseits des Südchinesischen Meeres operiert China mit J-16-Kampfjets und J-20-Tarnkappenjets über Gewässern, die Vietnam als sein Hoheitsgebiet betrachtet. Im Vergleich dazu wirken Hanois alternde Su-22 und Su-27 deutlich gealtert.

Kurzinfo
  • WHO: Die vietnamesische Volksluftwaffe
  • Die Wahl: Frankreichs Dassault Rafale gegen Russlands Su-57 – oder eine Mischung aus beidem
  • Warum gerade jetzt? Vietnams Flotte aus Su-22- und Su-27-Kampfjets aus Sowjetzeiten ist veraltet, während China J-16- und J-20-Jets im Südchinesischen Meer einsetzt.
  • Rafale: Berichten zufolge sollen es etwa 24–40 Jets sein, die Kosten belaufen sich auf 4–6 Milliarden US-Dollar, mögliche Auslieferungen sind zwischen 2028 und 2030 geplant; ein vietnamesischer Pilot soll bereits einen Testflug absolviert haben.
  • Su-57: Berichten zufolge handelt es sich um etwa 12–24 Jets, die an Vietnams bestehende russische Infrastruktur anknüpfen; die modernisierte Su-57M1 soll voraussichtlich Anfang der 2030er Jahre einsatzbereit sein.
  • Status: Es gibt keine offizielle Bestätigung aus Hanoi; Analysten halten eine gemischte Flotte für den wahrscheinlichsten Weg.

Die Rafale: die schnelle westliche Antwort

Das deutlichste Zeichen dafür, dass Frankreich es ernst meint, ist ein kleines, aber aufschlussreiches Detail: Einem vietnamesischen Piloten wurde Berichten zufolge die Erlaubnis erteilt, fliegen Die Rafale. Solch ein Zugang ist normalerweise Kunden vorbehalten, die sich in fortgeschrittenen Verhandlungen befinden, nicht höflichen ersten Treffen. Französische Berichte von Anfang 2026 deuteten darauf hin, dass die Gespräche in einem ungewöhnlich fortgeschrittenen Stadium seien.

Paris bietet einen echten Mehrzweckjäger an – mit AESA-Radar, dem leistungsstarken Selbstverteidigungssystem SPECTRA, großer Reichweite für Seeaufklärung und einer Waffenlast von über neun Tonnen. Schätzungen aus offenen Quellen gehen von einem Geschäft über etwa zwei Staffeln, also 24 bis 40 Flugzeuge, im Wert von 1,4 bis 6 Milliarden US-Dollar aus. Die ersten Jets könnten voraussichtlich zwischen 2028 und 2030 eintreffen.

Warum dies in Wirklichkeit eine geopolitische Entscheidung ist: Ein westlicher Kampfjet würde Hanoi in Richtung europäischer Interoperabilität und weg von Moskau bewegen; ein russischer hingegen würde eine sechs Jahrzehnte alte Verteidigungspartnerschaft bewahren. Vietnam entscheidet sich somit ebenso sehr für einen Bündnispartner wie für ein bestimmtes Flugzeugmuster.

Es gibt Präzedenzfälle für diese politische Strategie. Indonesiens Bestellung von 42 Rafale-Kampfjets zeigte, dass ein südostasiatischer Staat französische Technologie erwerben kann, ohne sich mit Moskau zu überwerfen. Für Vietnam ist die Rafale ebenso ein diplomatisches Instrument wie ein Kampfjet – ein Weg, den Freundeskreis in einer Zeit zu erweitern, in der die Abhängigkeit von einem einzigen, sanktionierten Lieferanten riskant erscheint.

Die Su-57: die komfortable, russische Antwort

Und dennoch ist Russland noch nicht aus dem Rennen. Hanoi hat die Su-57 mindestens seit 2017 im Blick, und das Interesse hielt bis April 2026 an, wobei der Fokus auf der modernisierten Su-57M1 lag, deren Marktreife für Anfang des nächsten Jahrzehnts erwartet wird. Ihr Vorteil liegt in der Kontinuität: Der Jet würde sich nahtlos in das bereits bestehende Ökosystem Vietnams einfügen – die Su-30-Flotte, die S-300-Luftverteidigung, die Doktrin, die eingespielten Abläufe.

Drei russische Suchoi Su-57 Tarnkappenjäger in Formation
Die russische Su-57 ist der andere Kandidat – sie würde sich deutlich reibungsloser in die bestehende russische Infrastruktur Vietnams einfügen als ein westliches Kampfflugzeug. (Wikimedia Commons)

Der Haken liegt in all den Unsicherheiten, die derzeit über den russischen Waffenexporten schweben: Fragen zu Produktionsraten, Lieferterminen, Sanktionsrisiken und der Frage, ob die Su-57-Reihe die Lieferfristen für Vietnam tatsächlich einhalten kann. Ein verspätet eintreffender Tarnkappenjäger hat keinerlei abschreckende Wirkung.

Warum die Antwort “beides” lauten könnte”

Das wahrscheinlichste Ergebnis ist das am wenigsten dramatische. Anstatt einen einzigen Sieger zu küren, könnte Hanoi es Neu-Delhi gleichtun und eine gemischte Flotte aufbauen. Rafale-Kampfjets würden die ältesten Su-22 kurzfristig ersetzen; die modernisierten Su-30MK2 blieben das zahlenmäßige Rückgrat; und eine kleine Anzahl von Su-57 könnte später als hochmoderne Tarnkappen-Versicherung eintreffen.

Es ist eine typisch vietnamesische Lösung: Absicherung, Diversifizierung, keine vollständige Festlegung. Die Gefahr besteht darin, dass das Südchinesische Meer nicht geduldig auf Hanois Beratungen warten wird. In einem Wettstreit, der sich in Sensorreichweite und Tarnung misst, hat Unentschlossenheit ihren Preis – und die Zeit in diesen umstrittenen Gewässern läuft bereits.

Quellen: Defence Security Asia; öffentlich zugängliche Verteidigungsberichte. Hanoi hat noch keine Beschaffung offiziell bestätigt.

Verwandte Fragen

Welche Kampfflugzeuge setzt Vietnam derzeit ein?

Die vietnamesische Volksluftwaffe betreibt eine fast ausschließlich aus russischen Flugzeugen bestehende Flotte: Das Rückgrat bildet die Mehrzweck-Su-30MK2 (etwa 35–45 Flugzeuge), unterstützt von alternden Luftüberlegenheitsjägern Su-27 und Kampfflugzeugen Su-22, die sich dem Ende ihrer Nutzungsdauer nähern.

Warum kauft Vietnam neue Kampfflugzeuge?

Vietnams Kampfflugzeuge aus Sowjetzeiten sind veraltet und zunehmend unterlegen, während China den Einsatz moderner J-16- und J-20-Kampfflugzeuge im umstrittenen Südchinesischen Meer ausweitet. Vietnam benötigt überlebensfähige, reichweitenstarke und präzisionsfähige Flugzeuge, um die Kontrolle über seinen Luftraum und seine Seewege glaubwürdig zu behalten.

Was würde die Rafale Vietnam bringen?

Die Dassault Rafale ist ein französischer Mehrzweckjäger der 4,5. Generation mit AESA-Radar, dem elektronischen Kampfführungssystem SPECTRA, großer Reichweite und schwerer Waffenlast. Sie würde Vietnam ermöglichen, seine ältesten Jets schnell auszumustern und sich von Russland unabhängiger zu machen – allerdings auf Kosten des Aufbaus eines völlig neuen westlichen Ausbildungs-, Waffen- und Wartungssystems.

Warum sollte Vietnam stattdessen die Su-57 in Betracht ziehen?

Die Su-57 ist Russlands Tarnkappenjäger der fünften Generation und würde sich nahtlos in Vietnams bestehende russische Infrastruktur – die Su-30-Flotte, das S-300-Luftverteidigungssystem und jahrzehntelange institutionelle Erfahrung – einfügen und so den Übergang erleichtern. Die damit verbundenen Herausforderungen betreffen die Reife des Programms, die Lieferzeiten und die Anfälligkeit für Sanktionen.

Hat Vietnam eine Entscheidung getroffen?

Nein. Hanoi hat keine offizielle Ankündigung gemacht, und alle Zahlen und Zeitpläne stammen aus Verteidigungsberichten und nicht aus unterzeichneten Verträgen. Analysten gehen zunehmend von einer gemischten Flotte aus: Rafale für kurzfristige Mehrzweckeinsätze, Su-30 als Rückgrat und möglicherweise später die Su-57 als High-End-Kampfjet.

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