Am 15. Juli 1941 gelang einem 28-jährigen deutschen Piloten etwas Einzigartiges in der Geschichte der Luftfahrt: Er schoss sein hundertstes Flugzeug ab. Werner Mölders hatte eine Zahl erreicht, die einst unmöglich schien. Doch sein wichtigstes Vermächtnis war nicht der Rekord. Es war ein einfaches Muster aus vier Flugzeugen am Himmel – eine Formation, die noch heute von allen großen Luftstreitkräften der Welt geflogen wird.
Mölders war eine Seltenheit: ein brillanter Killer, der zugleich ein brillanter Ausbilder war. Und in einer von Prahlerei geprägten Luftwaffe kannten ihn seine Männer nicht als Adler oder Fliegerass, sondern als “Vati” – Papa.
Name: Oberst Werner “Vati” Mölders
Geboren: 18. März 1913, Gelsenkirchen
Erste: Erster Pilot der Geschichte, der 100 Luftsiege erreichte (15. Juli 1941)
Punktzahl: 101 Siege im Zweiten Weltkrieg, plus 14 im Spanischen Bürgerkrieg
Vermächtnis: Er entwickelte die “Finger-Vier”-Kämpferformation, die noch heute weltweit verwendet wird.
Gestorben: 22. November 1941, im Alter von 28 Jahren – als Passagier bei einem Flugzeugabsturz, nicht im Kampfeinsatz
Spanien: Wo die Taktiken ihren Ursprung haben
1938 meldete sich Mölders freiwillig zur Legion Condor, der deutschen Streitmacht, die im Spanischen Bürgerkrieg an der Seite Francos kämpfte, und wurde mit 14 Abschüssen ihr erfolgreichster Jagdflieger. Doch Spanien war weniger für seine Abschusszahlen als für seine dortige Arbeit von Bedeutung. Die starre Dreierformation, die die meisten Luftstreitkräfte flogen, erwies sich als Falle: Die Piloten verbrachten mehr Zeit mit dem Halten der Formation als mit der Beobachtung des Himmels.
Mölders dominierte das Spiel. Er baute seine Taktik um das Duo herum auf – ein Rotte, Ein Pilot beobachtete das Heck des anderen – und zwei Paare wurden zu einem lockeren, versetzten Viererverband zusammengeschlossen, der als „ Schwarm. Von unten betrachtet ähnelte es den Fingerspitzen einer gespreizten Hand, weshalb es im englischsprachigen Raum als “Finger-Four” bekannt wurde. In Kombination mit seinem Überkreuzmanöver war es so überlegen, dass es schließlich von allen beteiligten Luftwaffen des Krieges übernommen wurde. Es ist bis heute Standard.

Als Erster hundert
Zurück in Deutschland führte Mölders das Jagdgeschwader 51 durch die Schlachten um Frankreich und England sowie in den Überfall auf die Sowjetunion, und seine Abschusszahlen stiegen unaufhaltsam. Als er im Juli 1941 die 100. Lebensjahre überschritt, wurde er als erster Soldat überhaupt mit den Diamanten zum Ritterkreuz ausgezeichnet und zum General der Jagdflieger – dem jüngsten Mann in dieser Position – ernannt.
Trotz allem genoss er einen für die Luftwaffe ungewöhnlichen Ruf der Ritterlichkeit. Als tiefgläubiger Katholik, der sich im Stillen mit dem Regime wegen dessen Umgang mit der Kirche anlegte, bestand er darauf, dass gefangene alliierte Flieger würdevoll behandelt wurden, und war dafür bekannt, abgeschossene feindliche Piloten zum Essen einzuladen. Seine Männer nannten ihn “Vati”, weil er sich wie ein Vater um sie kümmerte.

Den Feind einschätzen
Mölders war auch ein akribischer Analytiker. Im August 1940 flog er auf dem Testgelände Rechlin eine erbeutete Maschine. Supermarine Spitfire und Hurricane und verfasste einen nüchternen Bericht, in dem er sie mit seiner eigenen Bf 109 verglich. Er bewertete die Hurricane als unterlegen, zollte der Spitfire aber großen Respekt – das ehrliche Urteil eines Profis über die Maschine, die sich gerade über England ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit seiner eigenen geliefert hatte.
Als Beifahrer getötet
Für einen Mann, der Hunderte von Kämpfen überlebt hatte, war das Ende beinahe grausam banal. Am 22. November 1941 flog Mölders nicht als Pilot, sondern als Passagier an Bord einer Heinkel He 111 von der Krim zur Beerdigung von Ernst Udet, dem technischen Chef der Luftwaffe, der sich das Leben genommen hatte. Bei der Landung in Breslau geriet die Maschine in ein Gewitter und stürzte ab. Mölders kam dabei ums Leben. Er war 28 Jahre alt.
Adolf Galland, sein Freund und Rivale, folgte ihm als General der Jagdflieger nach. Doch die Erfolge und die Taktiken überdauerten beide. Jedes Mal, wenn sich vier Jagdflieger in zwei wachsame Paare aufteilen und sich in der Kurve kreuzen, setzen sie Werner Mölders' Idee um – mehr als achtzig Jahre später.
Quellen: Wikipedia; Der Aviation Geek Club; Kurfürst (Rechlin-Prozesse); Datenbank zum Zweiten Weltkrieg; Bundesarchiv.




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