Am 30. Juli 2026 teilte die indische Regierung dem Parlament etwas mit, das mehr als ein Jahr nach dem Air India 171-Unglück das zentrale Rätsel nur noch schwieriger zu lösen macht: Die Treibstoffkontrollschalter der Boeing 787 – also genau die Komponenten, die im Mittelpunkt der Untersuchung stehen – weisen keinen Defekt auf.
Dieser Befund ist von Bedeutung, da die Ermittler bisher nur von diesen beiden kleinen Schaltern wissen, dass sie defekt waren. Am 12. Juni 2025 startete Air India Flug AI171, eine Boeing 787-8 mit dem Kennzeichen VT-ANB, in Ahmedabad mit Ziel London Gatwick und stürzte etwa 32 Sekunden später in ein Studentenwohnheim einer medizinischen Hochschule, rund 1,7 Kilometer hinter der Landebahn. Von den 242 Insassen starben 241; weitere 19 kamen am Boden ums Leben. Ein Passagier überlebte.
Der vorläufige Bericht stellte fest, dass sich beide Kraftstoffregler der Triebwerke Sekunden nach dem Start nacheinander von „RUN“ auf „CUTOFF“ bewegten und dadurch die Kraftstoffzufuhr beider Triebwerke unterbrochen wurde. Die Ursache für diese Bewegung blieb ungeklärt. Die jüngsten Tests schließen eine mögliche Erklärung – einen defekten Schalter – aus, ohne jedoch eine andere zu liefern.
Kurzinfo
| Flug | Air India AI171, Ahmedabad nach London Gatwick |
| Flugzeug | Boeing 787-8, VT-ANB (12 Jahre alt) |
| Datum | 12. Juni 2025 |
| Maut | 260 Tote, davon 19 am Boden |
| Überlebende | 1 von 242 an Bord |
| Kernbefund | Beide Kraftstoffschalter bewegten sich Sekunden nach dem Start von RUN auf CUTOFF. |
| Neu (Juli 2026) | Am Schalter oder seinen Verriegelungsrasten wurden keine Mängel festgestellt. |
| Noch offen | Schubregelungsmodul wird bei Boeing untersucht; Ursache noch nicht geklärt |
Was die Regierung sagte
Der stellvertretende Minister für Zivilluftfahrt, Murlidhar Mohol, erklärte vor dem Parlament, dass eine detaillierte Untersuchung des Treibstoffkontrollschalters – einschließlich der strukturellen Integrität seiner Verriegelungsrasten, der kleinen Haken, die ein versehentliches Verstellen des Schalters verhindern sollen – keinen Defekt ergeben habe. Das größere Schubkontrollmodul werde weiterhin in einer Boeing-Einrichtung analysiert, fügte er hinzu, und die Ermittler hätten noch nicht geklärt, warum sich die Schalter bewegt hätten.

Wie die Ermittlungen an diesen Punkt gelangten
Der vorläufige Bericht der AAIB, veröffentlicht im Juli 2025, schilderte den Ablauf eindrücklich. Innerhalb einer Sekunde schalteten beide Treibstoffregler von „RUN“ auf „CUTOFF“, kurz nachdem das Flugzeug abgehoben hatte. Die Regler wurden später wieder auf „RUN“ gestellt, und die Triebwerke versuchten, wieder zu zünden – doch das Flugzeug war zu niedrig und zu langsam, und mindestens ein Triebwerk konnte den Schub nicht rechtzeitig wiederherstellen.
Die Cockpit-Sprachaufzeichnung hielt einen kurzen, beunruhigenden Dialog fest: Ein Pilot fragte den anderen, warum er die Schalter auf Not-Aus gestellt habe; der andere verneinte dies. Der Bericht endete an dieser Stelle. Er klärte weder, warum die Schalter bewegt worden waren, noch wies er jemandem die Schuld zu.
Die Frage zur Verriegelungsfunktion
Die Verriegelungsmechanismen werden aus gutem Grund genauer untersucht. Bereits 2018 veröffentlichte die US-amerikanische Luftfahrtbehörde FAA eine Empfehlung, in der sie darauf hinwies, dass die Verriegelungsfunktion des Treibstoffabschaltschalters bei einigen Boeing-Modellen, darunter der 787-8, so installiert sein könnte, dass sie nicht einrastet. Die Empfehlung war jedoch nicht verpflichtend, und die empfohlene Überprüfung wurde laut Aussage von Air India gegenüber den Ermittlern an dem verunglückten Flugzeug nicht durchgeführt.
Genau diese Vorgeschichte macht den Befund vom Juli 2026 so bedeutsam. Sollten der Schalter und sein Verriegelungsmechanismus intakt sein, wird die Erklärung, der Schalter sei einfach verrutscht, immer schwerer aufrechtzuerhalten – was die Untersuchung tiefer in die Elektronik und Logik des Schubregelungsmoduls lenkt, das sich derzeit bei Boeing auf einem Prüfstand befindet.
Eine sorgfältige, umstrittene Untersuchung
Die Ermittler verfolgen im Wesentlichen zwei unterschiedliche Ansätze. Der eine sucht nach einem technischen Auslöser – einem elektrischen Fehler, der die Flugzeugsysteme beeinträchtigt haben könnte, wobei die Schalterbewegungen eher ein Symptom als eine vorsätzliche Handlung darstellen. Der andere Ansatz interpretiert die Audioaufzeichnungen aus dem Cockpit als Beweis für eine manuelle Abschaltung. Die Ursache ist noch nicht geklärt, und indische Gerichte haben ausdrücklich betont, dass der vorläufige Bericht keine Schuldzuweisung an den verantwortlichen Piloten impliziert.
Mehr als ein Jahr später warten die Familien immer noch auf das, was die Untersuchung ihnen bisher nicht liefern kann: eine Erklärung. Das Schubregelungsmodul, das derzeit bei Boeing untersucht wird, könnte die Antwort liefern. Bis dahin bleibt nur die unbequeme Wahrheit: Die Schalter wurden bewegt, und niemand hat bisher bewiesen, wie.
Quellen: FlightGlobal; BusinessToday; The Air Current; Airways Magazine; Al Jazeera; Britannica.




Befanden sich außer den beiden Piloten noch weitere Personen im Cockpit?