Ein Jahr lang glaubte Italien, das erste Düsenflugzeug der Geschichte gebaut zu haben. Am 27. August 1940 erhob sich eine elegante, fassförmige Maschine ohne sichtbaren Propeller über Mailand in den Himmel – und die Weltluftfahrtbehörde verbuchte dies pflichtgemäß als ersten erfolgreichen Flug eines Düsenflugzeugs. Es war ein Triumph faschistischer Ingenieurskunst, der in den Wochenschauen breitgetreten wurde.
Es war in gewisser Weise auch eine schöne Lüge. Die Caproni Campini N.1 war gar kein echter Jet. Und ein Jahr zuvor hatte Deutschland unter strengster Geheimhaltung bereits ein echtes Flugzeug geflogen.
Kurzinfo
| Rolle | Experimenteller Strahlantriebsdemonstrator |
| Erster Flug | 27. August 1940 (Pilot Mario de Bernardi) |
| Motor | ""Motorjet": 900 PS starker Isotta-Fraschini-Kolbenmotor mit Nachbrenner, der einen Verdichter antreibt |
| Schub | ~1.600 lbf |
| Höchstgeschwindigkeit | 233 mph (375 km/h) – langsamer als die damaligen Kolbenflugzeuge. |
| Anzahl gebaut | 2 (einer überlebt in Vigna di Valle) |
Ein Jet ohne Jet-Triebwerk
Die N.1 war das Werk des Ingenieurs Secondo Campini, der sich seit 1931 mit Strahlantrieben beschäftigte und in Venedig sogar ein strahlgetriebenes Boot vorgeführt hatte, um das Prinzip zu beweisen. Er verfügte jedoch nicht über ein Turbojet-Triebwerk. Stattdessen konstruierte er einen "Motorjet" – einen Hybridantrieb, bei dem ein gewöhnlicher 900 PS starker Isotta-Fraschini-Kolbenmotor, der im Rumpf verbaut war, einen Verdichter antrieb, der Luft durch einen Kanal presste, wo ein Brenner für den letzten Schub sorgte.
Es funktionierte irgendwie. Aber es war schwer, kompliziert und durstig und erzeugte nur etwa 725 Kilogramm Schub – genug für eine Höchstgeschwindigkeit von gerade einmal 375 km/h, langsamer als die Propellerjäger, die es eigentlich ablösen sollte. Im Cockpit wurde es so heiß, dass die zweiköpfige Besatzung mit geöffneten Kabinenhauben flog.
Der Historiker Sterling Michael Pavelec fasst die Maschine in drei Worten zusammen.
Zuerst – bis das Geheimnis ans Licht kam
Da Deutschland den Erstflug seiner Heinkel He 178 – eines echten Strahlflugzeugs – am 27. August 1939 geheim gehalten hatte, schrieb die Fédération Aéronautique Internationale (FAI) die Campini N.1 dem ersten Strahlflugzeug der Welt zu. Italien konnte sich eine Zeit lang eines der größten Pionierleistungen der Luftfahrtgeschichte zuschreiben. Dann kam die Wahrheit über die He 178 ans Licht, und der Rekord wechselte stillschweigend den Besitzer. Die He 178 hatte die Italiener um genau ein Jahr im Flug überholt.
Das Motorjetflugzeug war eine evolutionäre Sackgasse. Innerhalb weniger Jahre machten die echten Turbojets von Frank Whittle und Hans von Ohain Campinis cleveren Hybrid endgültig überflüssig. Doch wenn man den Mythos des "ersten Jets" beiseite lässt, bleibt etwas Reales übrig: ein mutiger, visionärer Versuch, mit den Mitteln eines einzigen Landes ins Jetzeitalter zu springen. Es flog. Nur flog es in die falsche Zukunft.
Quellen: Sterling Michael Pavelec, "The Jet Race and the Second World War"; Vintage Aviation News; Wikipedia.




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