Der Mann, der vom Rande des Weltraums sprang

von | 22. Juni 2026 | Geschichte & Legenden | 0 Kommentare

Am 16. August 1960 hing eine winzige, offene Gondel unter einem riesigen Heliumballon, 31.300 Meter über der Wüste von New Mexico. Das sind über 31 Kilometer Höhe – so hoch, dass der Himmel schwarz ist, der Horizont sich krümmt und kaum noch Luft zum Atmen vorhanden ist. Im Türrahmen stand, in einem Druckanzug, ein Captain der US-Luftwaffe namens Joe Kittinger.

Er blickte auf die Erde hinab, sprach ein leises Gebet und verschwand im Nichts.

Was folgte, war einer der außergewöhnlichsten Sinkflüge in der Geschichte der Luftfahrt – ein Fall von mehr als vier Minuten, der einen Menschen an die Grenze der Schallgeschwindigkeit brachte, Jahrzehnte bevor irgendjemand anderes auch nur annähernd so weit kommen sollte.

KurzinfoWHO: Hauptmann (später Oberst) Joseph W. Kittinger, USAF
Mission: Projekt Excelsior III
Datum: 16. August 1960
Absprunghöhe: 102.800 Fuß (31.300 m)
Freier Fall: 4 Minuten 36 Sekunden, Geschwindigkeit ca. 614 mph (988 km/h)
Geführte Aufzeichnungen: 52 Jahre – bis Felix Baumgartner im Jahr 2012

Die höchste Stufe der Welt

Das Projekt Excelsior war von höchster Ernsthaftigkeit: Die Luftwaffe musste wissen, ob ein Pilot oder Astronaut sicher aus dem Weltraum abspringen konnte. Kittinger hatte bereits zwei Sprünge absolviert, als er mit Excelsior III auf 31.300 Meter Höhe aufstieg. Während des Aufstiegs versagte die Druckdichtung in seinem rechten Handschuh. Seine Hand schwoll schmerzhaft an und war nicht mehr zu gebrauchen – und er entschied sich, die Missionskontrolle nicht zu informieren, aus Angst, sie würden den Flug abbrechen. Er stieg weiter auf.

Viereinhalb Minuten Fallen

Kittinger fiel 4 Minuten und 36 Sekunden lang, stabilisiert durch einen Bremsschirm, und beschleunigte in der dünnen oberen Atmosphäre auf rund 987 km/h – nahezu Schallgeschwindigkeit. In 5.498 Metern Höhe öffnete er seinen Hauptschirm und landete sicher. Dabei stellte er Weltrekorde für den höchsten Fallschirmsprung, den längsten Fallschirmsprung mit Bremsschirmstabilisierung und die höchste jemals von einem Menschen im freien Fall erreichte Geschwindigkeit auf.

Es war 1960. Niemand hatte je etwas auch nur annähernd Vergleichbares getan, und mehr als ein halbes Jahrhundert lang sollte es auch niemand tun.

Zweiundfünfzig Jahre später

Kittingers Höhen- und Geschwindigkeitsrekorde hielten unglaubliche 52 Jahre lang. Dann, am 14. Oktober 2012, stieg der österreichische Fallschirmspringer Felix Baumgartner mit einem Red Bull Stratos-Ballon auf rund 39 Kilometer Höhe (127.852 Fuß) und sprang ab. Im freien Fall erreichte er etwa Mach 1,25 und durchbrach damit als erster Mensch die Schallmauer aus eigener Kraft, ohne Flugzeuge in seiner Nähe.

Die Red Bull Stratos-Kapsel ist im Smithsonian ausgestellt.
Die Original-Red-Bull-Stratos-Kapsel, die Felix Baumgartner 2012 an den Rand des Weltraums brachte, ist heute im Smithsonian Museum ausgestellt. Foto: Wikimedia Commons

Und hier kommt das Detail, das die Geschichte so besonders macht: Baumgartner hörte während des gesamten Auf- und Abstiegs eine einzige, ruhige Stimme in seinem Ohr – die Stimme von Joe Kittinger selbst, damals 84 Jahre alt, der als Verbindungsmann und Mentor der Mission fungierte. Der Mann, der 1960 den Rekord aufgestellt hatte, gab dem Mann, der ihn brach, persönlich bei jedem Schritt Anweisungen. Die GoPro-Aufnahmen dieses Sprungs sind nach wie vor atemberaubend.

Warum es immer noch wichtig ist

Keiner der beiden Sprünge war ein Selbstzweck. Excelsior half zu beweisen, dass Flugbesatzungen einen Absprung aus extremer Höhe überleben konnten; Stratos trieb die Druckanzug- und Höhenrettungstechnologie erneut voran. Doch was in beiden Fällen in Erinnerung bleibt, ist der menschliche Aspekt – ein Mann, der 1960 allein in die Tiefe stürzte und 52 Jahre später die Stimme des nächsten Mannes stärkte, der dasselbe tun sollte.

Joe Kittinger starb im Jahr 2022. Er verbrachte sein Leben damit, höher zu steigen und tiefer zu fallen als fast jeder andere – und sorgte dann dafür, dass der Rekord, den er so liebte, von jemandem gebrochen wurde, den er persönlich an den Rand geführt hatte.

Quellen: National Air and Space Museum; Wikipedia (Project Excelsior; Joseph Kittinger; Red Bull Stratos); AOPA; StratoCat.

Verwandte Fragen

Wer sprang 1960 vom Rand des Weltraums?

Der US-Luftwaffenkapitän Joseph Kittinger sprang am 16. August 1960 im Rahmen des Projekts Excelsior aus einem Ballon in 31.340 Metern Höhe – nahezu am Rande des Weltraums. Er fiel über vier Minuten lang, bevor sich sein Fallschirm öffnete, und testete so den Höhenrettungsdienst für Piloten und Astronauten.

Aus welcher Höhe sprang Joseph Kittinger?

Er sprang aus 31.300 Metern Höhe (102.800 Fuß) in einer offenen Gondel unter einem Heliumballon. In dieser Höhe ist der Himmel schwarz und die Erdkrümmung sichtbar – Kittinger nannte den Ausblick "den höchsten Schritt der Welt"."

Wie schnell stürzte Kittinger?

Während eines 4 Minuten und 36 Sekunden dauernden freien Falls erreichte Kittinger in der dünnen oberen Atmosphäre eine Geschwindigkeit von etwa 614 mph (988 km/h) – nahe der Schallgeschwindigkeit –, bevor er in dichtere Luft gelangte und seinen Fallschirm öffnete.

Warum sprang Joseph Kittinger aus solcher Höhe?

Es handelte sich um ernsthafte Forschung, nicht um einen Stunt. Ziel des Projekts Excelsior war es herauszufinden, ob ein Pilot oder Astronaut sicher aus extremer Höhe abspringen kann, und die Ausrüstung und Techniken zu testen, die für das Überleben einer Flucht aus großer Höhe erforderlich sind.

Wie lange hielt Kittingers Höhenrekord?

Kittingers Sprungrekorde blieben 52 Jahre lang unerreicht, bis Felix Baumgartner sie 2012 mit einem höheren Sprung aus der Stratosphäre brach – eine Leistung, zu der Kittinger selbst beratend mitwirkte.

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