Der erste Rollversuch eines Tarnkappenjägers ist alles andere als glamourös. Er rollt aus dem Hangar, kriecht aus eigener Kraft die Rollbahn entlang und hält an. Doch für die Türkei war der Anblick ihres zweiten Kaan-Prototyps, der am 31. Juli 2026 auf dem Vorfeld in Ankara entlangrollte, ein bedeutender Meilenstein – der letzte wichtige Schritt, bevor ein völlig neuer, serienreifer Tarnkappenjäger zum Erstflug antritt.
Das Flugzeug trägt die Bezeichnung P1, und Turkish Aerospace Industries hat ein Video veröffentlicht, das den ersten Flug unter eigener Kraft zeigt. Offiziellen Angaben zufolge könnte es noch vor Jahresende fliegen. Sollte dies gelingen, rückt die Türkei einem Ziel, das nur wenige Nationen besitzen – einem im Inland entwickelten Kampfflugzeug der fünften Generation –, einen großen Schritt näher.
Kurzinfo
- Flugzeug: TAI Kaan (ehemals TF-X), der türkische Tarnkappenjäger der 5. Generation
- Meilenstein: Der zweite Prototyp (P1) begann am 31. Juli 2026 mit den Rollversuchen.
- Wo: Türkische Luft- und Raumfahrtindustrie (TAI/TUSAŞ), Ankara
- Erster Flug: voraussichtlich vor Ende 2026
- Vorgänger: Der P0-Demonstrator absolvierte seinen Erstflug im Februar 2024.
- Motor (vorerst): GE F110-GE-129, gebaut unter US-Lizenz in der Türkei
- Vorgeschichte: gestartet, nachdem die Türkei 2019 aus dem F-35-Programm ausgeschlossen wurde.
Warum P1 wichtiger ist als P0
Die Türkei hat bereits zuvor eine Kaan geflogen – der Demonstrator P0 hob im Februar 2024 ab. P0 war jedoch lediglich ein Machbarkeitsnachweis. P1 und ihr Schwesterflugzeug P2 sind seriennahe Flugzeuge: Sie wurden so konstruiert, dass sie dem Kampfflugzeug entsprechen, das die Türkei tatsächlich einsetzen will, und berücksichtigen dabei die Erkenntnisse aus dem ersten Prototypen.
Die Unterschiede sind deutlich sichtbar. Im Vergleich zur P0 verfügt die P1 über einen schlankeren, aerodynamischeren Rumpf, neu geformte und positionierte Lufteinlässe sowie einen größeren Abstand zwischen den beiden Triebwerken. Am auffälligsten ist jedoch der markante, nach vorn gerichtete Sensor über der Nase – ein kombiniertes Infrarot-Such-, Verfolgungs- und Zielsystem zur Erkennung und Verfolgung von Bedrohungen, ohne dabei einen einzigen Radarimpuls auszusenden.
Beim Rolltest werden Bremsen, Steuerung und Bodenhandhabung eines Flugzeugs bei stetig steigender Geschwindigkeit geprüft. Er bildet die Brücke zwischen einem existierenden und einem flugfähigen Jet. TAI-Chef Mehmet Demiroğlu vermied es auf der Farnborough Airshow, ein konkretes Datum zu nennen.
Das Motorproblem, das über allem schwebt.
Aktuell fliegt die Kaan mit dem amerikanischen General Electric F110-GE-129, derselben Triebwerksfamilie, die auch die neueren F-16-Modelle antreibt. Die Triebwerke werden in der Türkei in Lizenz gefertigt, unterliegen aber weiterhin den US-Exportkontrollen. Genau diese Abhängigkeit will Ankara überwinden. Die Türkei treibt die Entwicklung eines eigenen Triebwerks, des TEI TF35000, mit Nachdruck voran. Dieses soll spätere Serienmodelle antreiben und das Programm von westlichem Einfluss befreien.

Die politischen Aspekte lassen sich nicht von der Flugzeugkonstruktion trennen. Die Türkei schlug diesen Weg ernsthaft ein, nachdem Washington sie aus dem internationalen Sicherheitsverbund ausgeschlossen hatte. F-35 Lightning II Das 2019 gestartete Programm war eine Strafe für den Kauf des russischen Luftverteidigungssystems S-400. Kaan ist sowohl ein eigenständiges Kampfflugzeugprogramm als auch ein Zeichen: Ein NATO-Mitglied baut seinen eigenen Tarnkappenjet, anstatt auf die Genehmigung zum Kauf eines fremden zu warten.
Fast geschafft, aber noch nicht in der Luft
Rollversuche sind kein Flug, und Tarnkappenjägerprogramme neigen dazu, ins Stocken zu geraten. Doch das Tempo ist beachtlich – die Türkei will sowohl die P1 als auch die P2 bis Ende 2026 flugbereit haben, um ihre Testkampagnen parallel durchzuführen. Für ein Land, das vor nur sieben Jahren vom weltweit führenden Kampfflugzeug der fünften Generation ausgeschlossen war, ist eine Kaan, die aus eigener Kraft über die Startbahn rollt, eine deutliche Antwort.
Quellen: Turkish Aerospace Industries; The War Zone; Quwa; Daily Sabah; Defense Arabia; The Aviationist.




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