Mach 2 auf Mach 0,85: Warum Flugzeuge langsamer wurden

von | 6. April 2026 | Luftfahrtwelt, Geschichte & Legenden | 0 Kommentare

Kurzinfo

Geschwindigkeit der ConcordeMach 2,04 (2.180 km/h) – Von London nach New York in 3,5 Stunden
Concorde-Service1976–2003 (27 Jahre, British Airways und Air France)
Moderne ReisegeschwindigkeitMach 0,78–0,85 – langsamer als die Reisegeschwindigkeit der Boeing 707 im Jahr 1958
Warum wir langsamer geworden sindÖkonomische Faktoren (Treibstoffkosten pro Sitzplatz), Überschallknallverbote über Land, Lärmschutzbestimmungen und die zunehmende Effizienz von Großraumflugzeugen
Der neue HerausfordererBoom Supersonic präsentiert Overture – mit dem Ziel Mach 1,7, 65–80 Sitzplätzen und einem angestrebten Markteintritt im Jahr 2029.
British Airways Concorde G-BOAC im Flug
Concorde: Das schönste jemals gebaute Passagierflugzeug flog 27 Jahre lang mit Mach 2 – dann entschied sich die Welt für langsameres Fliegen – via Wikimedia Commons

1969 überquerte eine Concorde der British Airways den Atlantik mit Mach 2,04. Die Passagiere nippten in 18.000 Metern Höhe an Champagner, während die Erdkrümmung durch die Fenster sichtbar war. Der Flug von London nach New York dauerte dreieinhalb Stunden. Das war vor 57 Jahren. Heute dauert derselbe Flug sieben Stunden. Das Flugzeug ist langsamer. Die Kabine ist geräumiger. Der Champagner kostet extra.

Die kommerzielle Luftfahrt hat etwas geschafft, was fast keiner anderen Technologie gelungen ist: Sie hat sich zurückentwickelt. Autos sind schneller. Computer sind schneller. Die Kommunikation ist schneller. Passagierflugzeuge sind langsamer als zu Johnsons Zeiten. Das ist kein Zufall. Es ist eine bewusste Entscheidung – und die Gründe dafür offenbaren alles darüber, wie die Luftfahrt tatsächlich funktioniert.

Das Concorde-Paradoxon

Die Concorde war ein technologischer Triumph, aber auch ein wirtschaftliches Desaster. Das Flugzeug verbrauchte rund 25.000 Liter Treibstoff pro Stunde – etwa viermal so viel wie eine Boeing 747, obwohl es nur ein Viertel der Passagiere beförderte. Die Treibstoffkosten pro Sitzplatzkilometer waren katastrophal. Es wurden nur 20 Concordes gebaut, und British Airways und Air France betrieben sie fast die gesamte Betriebszeit mit Verlust.

Der Überschallknall verschlimmerte die Situation. Die Druckwelle der Concorde ließ Fenster erzittern und verscheuchte Vieh in einem kilometerweiten Korridor. Die Vereinigten Staaten verboten 1973 Überschallflüge über Land und beschränkten die Concorde damit auf Ozeanrouten. Das Flugzeug konnte nur dort schnell fliegen, wo niemand wohnte – was bedeutete, dass es nur eine Handvoll Städtepaare bedienen konnte: London–New York, Paris–New York, London–Barbados. Das Streckennetz war winzig.

Nach dem Absturz von Air-France-Flug 4590 beim Start in Paris im Juli 2000, bei dem 113 Menschen ums Leben kamen, wurde die Flotte für über ein Jahr stillgelegt. Die Anschläge vom 11. September 2001 ließen die Nachfrage nach transatlantischen Premiumflügen einbrechen. 2003 wurde die Concorde außer Dienst gestellt. Das Überschallzeitalter endete nicht leise, sondern mit einer detaillierten Analyse.

Warum Unterschalltechnologie gewonnen hat

Die eigentliche Revolution in der kommerziellen Luftfahrt lag nicht in der Geschwindigkeit, sondern in der Effizienz. Die 1970 eingeführte Boeing 747 konnte 400 Passagiere mit Mach 0,85 befördern. Der 2007 eingeführte Airbus A380 beförderte 550 Passagiere. Moderne zweistrahlige Großraumflugzeuge wie der 787 Dreamliner und der A350 verbrauchen pro Sitzplatz 201 Tonnen weniger Treibstoff als Flugzeuge aus den 1990er-Jahren. Die Fluggesellschaften erkannten, dass Passagiere den Ticketpreis weitaus wichtiger fanden als die Flugzeit.

Die wirtschaftlichen Zusammenhänge sind eindeutig. Der Luftwiderstand steigt im Unterschallflug annähernd quadratisch mit der Geschwindigkeit – im Überschall- und Transschallbereich hingegen führt der Wellenwiderstand zu einem exponentiellen Anstieg. Ein Flug mit Mach 2 benötigt etwa vier- bis fünfmal so viel Treibstoff pro Passagierkilometer wie ein Flug mit Mach 0,85. Die physikalischen Gesetze sind unumstößlich.

Moderne Verkehrsflugzeuge fliegen mit Mach 0,78–0,85, in einem engen Geschwindigkeitsbereich, in dem der Treibstoffverbrauch optimiert ist. Einige – insbesondere die Boeing 787 – fliegen sogar etwas langsamer als die 707 im Jahr 1958, da die Treibstoffersparnis durch wenige Knoten weniger Fluggeschwindigkeit jährlich Millionen von Dollar für die gesamte Flotte ausmacht. Geschwindigkeit wurde gegen Wirtschaftlichkeit getauscht. Die Fluggesellschaften entschieden sich für günstige Sitzplätze statt schneller Ankünfte, und die Passagiere stimmten mit ihrem Geldbeutel ab.

Boom XB-1 Überschall-Demonstrator-Modell
Booms XB-1-Demonstrator: Das Unternehmen setzt darauf, Überschall-Kommerzflüge wieder rentabel zu machen — via Wikimedia Commons

Die Überschall-Wiederbelebung

Der Traum lebt weiter. Das in Denver ansässige Start-up-Unternehmen Boom Supersonic entwickelt die Overture – ein Flugzeug mit Mach 1,7 für 65 bis 80 Passagiere auf transozeanischen Strecken. Das Unternehmen hat bereits Bestellungen von United Airlines, American Airlines und Japan Airlines erhalten. Der Prototyp XB-1 hat seinen Erstflug absolviert. Die Overture soll 2029 in Dienst gestellt werden.

Die Overture unterscheidet sich von der Concorde. Sie ist für moderne Turbofan-Triebwerke ausgelegt, die mit nachhaltigem Flugtreibstoff betrieben werden. Sie strebt keine Mach 2 an, sondern Mach 1,7, was die thermischen und strukturellen Herausforderungen deutlich reduziert. Sie wird leiser sein und pro Sitzplatz wesentlich treibstoffeffizienter als die Concorde. Dennoch unterliegt sie dem Überschallknallverbot über Land, was ihren Einsatz auf Ozeanrouten beschränkt.

Die NASA verfolgt einen anderen Ansatz. Ihr Überschallflugzeug X-59 Quesst ist so konstruiert, dass der Überschallknall auf ein leises "Überschallklopfen" reduziert wird – ein sanftes Grollen statt eines ohrenbetäubenden Knalls. Sollte die X-59 beweisen, dass Überschallflüge mit geringem Überschallknall über besiedelten Gebieten tolerierbar sind, könnte die FAA das Verbot von Überlandflügen aufheben. Dies würde die Wirtschaftlichkeit von Überschallreisen schlagartig verändern und Tausende von Inlands- und Kontinentalrouten eröffnen.

Es wird schneller gehen – aber nicht für alle

Die ehrliche Antwort auf die Frage "Warum fliegen Flugzeuge nicht schneller?" lautet: Die meisten Menschen wollen nicht für Geschwindigkeit bezahlen. Sie wollen günstige Flüge. Sie wollen breite Sitze. Sie wollen WLAN und Liegesitze. Ein siebenstündiger Transatlantikflug mit Film und Essen ist für die meisten Reisenden akzeptabel. Ein dreistündiger Flug zum doppelten Ticketpreis ist Luxus.

Überschallflüge werden zurückkehren. Sie werden jene Strecken und Passagiere bedienen, die bereit sind, den Aufpreis zu zahlen – genau wie die Concorde. Doch die in den 1960er-Jahren erträumte Zukunft, in der alle Verkehrsflugzeuge Überschallgeschwindigkeit erreichen, wird nicht kommen. Die Gesetze der Physik und der Ökonomie stimmen in einem Punkt überein: Für den Großteil der Luftfahrt ist Mach 0,85 ausreichend.

Die Concorde bewies, dass Menschen in Hemdsärmeln mit doppelter Schallgeschwindigkeit fliegen konnten. Die Frage war nie, ob es möglich war. Die Frage war, ob es sich lohnte. 27 glorreiche Jahre lang lautete die Antwort: Ja – solange jemand anderes zahlte.

Quellen: British Airways Concorde Heritage, NASA Quest-Programm, Boom Supersonic, Smithsonian National Air and Space Museum, Aviation Week

Verwandte Fragen

Warum sind moderne Verkehrsflugzeuge langsamer als die Concorde?

Moderne Verkehrsflugzeuge sind hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen langsamer. Die Concorde erreichte eine Reisegeschwindigkeit von Mach 2,04, verbrauchte aber etwa viermal so viel Treibstoff wie eine Boeing 747 und beförderte dabei deutlich weniger Passagiere, was die Kosten pro Sitzplatzkilometer ruinös machte. Heutige Jets fliegen mit etwa Mach 0,78–0,85, da Unterschallflüge wesentlich günstiger und leiser sind und nicht von den Verboten gegen Überschallknalle über Land betroffen sind.

Wie schnell flog die Concorde?

Die Concorde flog mit Mach 2,04 (etwa 2.180 km/h) in 18.300 Metern Höhe und überquerte den Atlantik von London nach New York in rund dreieinhalb Stunden. Sie war von 1976 bis 2003 bei British Airways und Air France im Einsatz. Es wurden nur 20 Maschinen gebaut, und die Wirtschaftlichkeit – ähnlich wie bei der Sowjetunion – war ein entscheidender Faktor. Tupolev Tu-144 — hat nie funktioniert.

Wie schnell fliegen moderne Passagierjets?

Die meisten modernen Verkehrsflugzeuge fliegen mit einer Reisegeschwindigkeit von etwa Mach 0,78–0,85 (rund 900 km/h) – tatsächlich etwas langsamer als die Boeing 707 im Jahr 1958. Fluggesellschaften nehmen bewusst eine geringere Geschwindigkeit zugunsten der Treibstoffeffizienz in Kauf, da ein etwas langsamerer Flug den Treibstoffverbrauch pro Sitzplatz deutlich reduziert. Breitere und effizientere Großraumflugzeuge haben diesen Kompromiss zum Branchenstandard gemacht.

Warum wurde die Concorde außer Dienst gestellt?

Die Concorde wurde 2003 nach 27 Dienstjahren außer Dienst gestellt. Ihr Scheitern war wirtschaftlicher Natur: enormer Treibstoffverbrauch, hoher Wartungsaufwand, eingeschränkte Streckenführung aufgrund von Überschallknallverboten über Land und sinkende Nachfrage nach dem einzigen tödlichen Absturz dieses Flugzeugtyps im Jahr 2000. Überschall-Passagierflüge erwiesen sich als kommerzielle Sackgasse, wie frühere Projekte wie die amerikanische Concorde zeigten. Boeing 2707 hatte sich bereits gezeigt.

Wird der Überschall-Passagierflug jemals zurückkehren?

Möglicherweise. Mehrere Unternehmen entwickeln neue Überschallflugzeuge, wobei die Overture von Boom Supersonic das fortschrittlichste Modell ist. Sie soll Mach 1,7 erreichen, 65 bis 80 Sitzplätze bieten und voraussichtlich um 2029 in Dienst gestellt werden. Die Herausforderungen, die zur Stilllegung der Concorde führten – Treibstoffkosten, Lärm und Überschallknallverbote über Land – bleiben die größten Hürden.

Warum wurde die kommerzielle Luftfahrt im Laufe der Zeit langsamer?

Die kommerzielle Luftfahrt ist eine der wenigen Technologien, die in puncto Geschwindigkeit tatsächlich einen Rückschritt gemacht haben – und das war eine bewusste Entscheidung. Nach der Concorde optimierte die Branche Kosten, Treibstoffeffizienz und Reichweite anstatt reiner Höchstgeschwindigkeit. Da die Passagiere nicht bereit waren, den enormen Aufpreis für Überschallflüge zu zahlen, entschieden sich die Fluggesellschaften für einen effizienten Unterschallflug mit etwa Mach 0,8.

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