In einem Kühlraum unterhalb der Smithfield Meat Market in London arbeitete 1943, hinter einer Leinwand aus hängenden Tierkadavern, ein zukünftiger Nobelpreisträger an der Perfektionierung eines Rezepts. Nicht für Lebensmittel – sondern für ein Baumaterial. Seine Aufgabe: zu beweisen, dass man aus gefrorenem Wasser das größte Kriegsschiff der Geschichte bauen kann.
Dies war das Projekt Habakkuk, und es ist vielleicht die herrlichste und verrückteste Idee, die der Zweite Weltkrieg je hervorgebracht hat. Es wäre beinahe Realität geworden.
Kurzinfo
- Projekt: Habakkuk – ein britischer Plan aus dem Zweiten Weltkrieg zum Bau eines Flugzeugträgers aus Eis
- Das Problem: die “Luftlücke” im Mittelatlantik, wo U-Boote Konvois außerhalb der Reichweite landgestützter Flugzeuge jagten.
- Das Material: Pykrete – etwa 861 Tonnen Wasser und 141 Tonnen Zellstoff, gefroren; viel fester als Eis und schmilzt langsam.
- Die Besetzung: Der Erfinder Geoffrey Pyke, der spätere Nobelpreisträger Max Perutz, Lord Mountbatten und Winston Churchill
- Die Größe: Etwa 2.000 Fuß lang, ungefähr 2 Millionen Tonnen schwer, ausgelegt für den Transport von bis zu 200 Flugzeugen
Das Loch im Ozean
Das Problem war brandgefährlich. Mitten im Atlantik klaffte eine “Luftlücke”, die für landgestützte Flugzeuge unerreichbar war. Dort konnten deutsche U-Boot-Rudel fast ungehindert alliierte Konvois angreifen. Stahl war knapp, Flugzeugträger noch seltener. Der exzentrische britische Erfinder Geoffrey Pyke schlug eine kühne Lösung vor: eine riesige, unsinkbare Eisinsel, die als Start- und Landebahn für U-Boot-Jagdflugzeuge in der Lücke dienen sollte.
Kugelsicheres Eis
Normales Eis war nutzlos – spröde und schmelzend. Der Durchbruch gelang mit einem Material namens Pykret: gewöhnliches Wasser, vermischt mit etwa 141 Tonnen Holzfasern und vollständig gefroren. Die Holzfasern wirken wie die Stahlarmierung im Beton, und das Ergebnis ist verblüffend. Pykret ist weitaus fester als Eis, schmilzt viel langsamer und ist so widerstandsfähig, dass eine Gewehrkugel es kaum beschädigt. Der Molekularbiologe Max Perutz – später Nobelpreisträger – perfektionierte die Rezeptur in jenem geheimen Kühlraum eines Fleischmarktes.
Die Geschichte besagt, dass Lord Mountbatten, um die Offiziere zu überzeugen, einen Block Pykrete hervorholte und dessen Festigkeit demonstrierte – in einer Version, indem er vor den verdutzten alliierten Kommandeuren mit einer Pistole darauf schoss, wobei die Kugel wild vom Eis abprallte.
Ein Schiff von der Größe einer Kleinstadt
Die Zahlen waren atemberaubend. Die vollständige Habakuk hätte eine Länge von rund 600 Metern gehabt, etwa zwei Millionen Tonnen verdrängt, bis zu 200 Flugzeuge transportiert und eine tausendköpfige Besatzung benötigt – allesamt durch ein internes Netzwerk von Kühlrohren eiskalt gehalten. Pyke benannte seinen Eisleviathan nach dem biblischen Propheten Habakuk, der etwas so Wunderbares versprach, “dass man es selbst dann nicht glauben würde, wenn es einem erzählt würde”.”
Der See in den Rocky Mountains
Um die Funktionsfähigkeit zu beweisen, baute ein Team ein 18 Meter langes Modell auf dem Patricia Lake in Jasper, Alberta, komplett mit integrierten Kühlrohren. Es funktionierte einwandfrei – so gut, dass der kleine Eisberg selbst nach Projektende drei heiße kanadische Sommer brauchte, um vollständig zu schmelzen. Doch da war der Krieg bereits weitergezogen. Neue Langstreckenflugzeuge und kleine Geleitflugzeugträger schlossen die Lücke im Mittelatlantik, und der Bedarf an einem schwimmenden Eiskontinent erübrigte sich.
Habakuk wurde stillschweigend auf Eis gelegt. Die Überreste des Prototyps ruhen noch heute auf dem Grund des Patricia-Sees – der versunkene Beweis dafür, dass Großbritannien beinahe auf einem Schiff aus Eis in den Krieg gezogen wäre.
Quellen: 99% Invisible; Warfare History Network; War History Online; Alberta Aviation Museum; Wikipedia.
Verwandte Fragen
Hat Großbritannien versucht, einen Flugzeugträger aus Eis zu bauen?
Ja. Während des Zweiten Weltkriegs prüfte Großbritannien ernsthaft das Projekt Habakkuk – einen Plan zum Bau eines riesigen Flugzeugträgers aus Eis, um die Lücke im Mittelatlantik zu schließen, durch die U-Boote Konvois außerhalb der Reichweite landgestützter Flugzeuge jagten. Es wurde nie gebaut.
Was war das Projekt Habakkuk?
Das Projekt Habakkuk war ein britisches Vorhaben aus dem Zweiten Weltkrieg, einen riesigen, nahezu unsinkbaren Flugzeugträger aus gefrorenem Material zu bauen. Er sollte die Luftlücke im Atlantik schließen und wäre etwa 610 Meter lang und rund 2 Millionen Tonnen schwer gewesen.
Was ist Pykrete?
Pykrete ist ein gefrorenes Gemisch aus etwa 861 Tonnen Wasser und 141 Tonnen Zellstoff. Es ist weitaus fester als normales Eis und schmilzt wesentlich langsamer. Daher war es das vorgeschlagene Baumaterial für den Eisflugzeugträger des Projekts Habakkuk.
Wer steckte hinter dem Projekt Habakkuk?
Die Idee stammte vom Erfinder Geoffrey Pyke, und das Projekt zog namhafte Persönlichkeiten an, darunter den späteren Nobelpreisträger Max Perutz, der Pykrete erforschte, sowie Lord Mountbatten und Winston Churchill, die die Erforschung des Materials unterstützten.
Warum wurde der Flugzeugträger aus Eis nie gebaut?
Der Maßstab war unpraktisch – etwa 2 Millionen Tonnen Pykrete, die ständig gekühlt werden mussten – und als die technische Umsetzung verstanden war, hatten bereits Flugzeuge mit größerer Reichweite und Begleitflugzeugträger begonnen, die Luftlücke im Atlantik zu schließen, wodurch Habakkuk überflüssig wurde.




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