Der Nazi-Jäger, der auf seinem Heck stand und sich drehte

von | 4. Juli 2026 | Geschichte & Legenden, Militärische Luftfahrt | 0 Kommentare

Stellen Sie sich ein Flugzeug vor, das nicht auf einer Startbahn steht, sondern aufrecht auf seinem Heck steht, die Nase wie eine Rakete gen Himmel gerichtet. Um seine Taille rotiert ein dreiblättriger Flügel, angetrieben nicht von einem Triebwerk im Rumpf, sondern von Staustrahltriebwerken an den Flügelspitzen. Zum Starten steigt es einfach senkrecht nach oben. Zur Landung muss der Pilot rückwärts aus dem Himmel fallen und blind auf vier kleinen Rädern unter dem Heck aufsetzen.

Das war der Focke-Wulf Triebflügel – eine der bizarrsten Flugmaschinen, die je ernsthaft konstruiert wurden. Er wurde 1944 in Deutschland entworfen und sollte das Reich vor einem immer kleiner werdenden Gebiet schützen. Er hob nie ab. Wenn man ihn sieht, versteht man, warum.

Kurzinfo

Flugzeug Focke-Wulf Triebflügel (Deutschland, 1944)
Typ VTOL-Punktverteidigungs-Abfangjäger – Hecksitter
Antrieb Dreiblattrotor, der durch Staustrahltriebwerke an den Blattspitzen angetrieben wird.
Rüstung Zwei 30-mm- und zwei 20-mm-Kanonen im Bug
Gebaut Keine – nur Windkanalmodelle
Status Nie geflogen; der Krieg endete zuerst

Ein Flügel, der gleichzeitig ein Propeller war

Die entscheidende Idee des Triebflügels war sein Rotorflügel: drei lange Blätter, die an einem Ring um den mittleren Rumpf angebracht waren und sich frei um den Flugzeugkörper drehen konnten. An der Spitze jedes Blattes befand sich ein Staustrahltriebwerk. Kleine Raketen brachten die Anordnung in Rotation, bis die Staustrahltriebwerke zündeten; von da an wirkten die rotierenden Blätter wie ein riesiger Propeller und zogen das Flugzeug senkrecht vom Heck nach oben. Im Vorwärtsflug erzeugte derselbe rotierende Flügel den Auftrieb, der das Flugzeug in der Luft hielt.

Es klang elegant auf dem Papier, war aber in der Praxis furchterregend. Staustrahltriebwerke verbrauchen Unmengen an Treibstoff und sind ohrenbetäubend laut, und ein Rotor, der sich an seinen Spitzen dreht, erzeugt enorme Belastungen. Doch das größte Problem wartete am Ende jeder Mission.

Focke-Wulf Triebflügel-Konzept
Der Triebflügel stand auf seinem Heck; der dreiblättrige Rotor in der Mitte wurde durch Staustrahltriebwerke an den Blattspitzen angetrieben. Es wurde nie ein Exemplar in Originalgröße gebaut. (Wikimedia Commons)

Die Landung, die niemand machen wollte

Senkrecht zu starten ist eine Sache. Eine hecklastige Landung ist etwas ganz anderes. Der Pilot des Triebflügels musste die Maschine in den Schwebeflug bringen und sie dann mit dem Heck voran auf ein kreuzförmiges Fahrwerk absenken – quasi rückwärts sinken, den Boden kaum sehen und den sich langsam drehenden Rotor ausbalancieren. Selbst mit modernen Computern sind senkrechte Landungen auf dem Heck schwierig. 1944, von Hand, mit einem unerfahrenen Piloten und dem rotierenden Staustrahltriebwerk über sich, grenzte das an Selbstmord.

Eine Wunderwaffe, die nur auf dem Papier existierte.

Der Triebflügel gehörte zur letzten, verzweifelten Welle deutscher “Wunderwaffen”-Entwürfe – Flugzeuge, die von winzigen, versteckten Startplätzen ohne Startbahnen aus starten sollten, während alliierte Bomber das Reich bombardierten. Er erreichte das Stadium von Windkanalmodellen, die angeblich Geschwindigkeiten um Mach 0,9 erreichten. Dann endete der Krieg, und der seltsamste Abfangjäger seiner Zeit verschwand in den Geschichtsbüchern, ohne jemals einen Rotor im Kampfeinsatz gedreht zu haben.

Man mag darüber lachen. Doch der Triebflügel warf auch eine Frage auf, die die Luftfahrt bis heute beschäftigt: Wie baut man ein schnelles Kampfflugzeug, das gar keine Startbahn benötigt? Achtzig Jahre später, da hecksitzende Drohnen und VTOL-Kampfflugzeuge wieder in der Entwicklung sind, wirkt die verrückte deutsche Idee gar nicht mehr so abwegig.

Quellen: Deutsches Museum; Luft'46-Designgeschichten; Deutsche technische Archive aus der Kriegszeit.

Verwandte Fragen

Was war der Focke-Wulf Triebflügel?

Der Triebflügel war ein deutscher Senkrechtstarter, der 1944 entwickelt wurde. Er stand aufrecht auf seinem Heck und nutzte einen dreiblättrigen Rotor, der um den Rumpf herum angebracht war und von Staustrahltriebwerken an den Blattspitzen angetrieben wurde, um abzuheben und zu fliegen. Er sollte Ziele ohne Start- und Landebahn verteidigen, wurde aber nie gebaut oder geflogen.

Wie sollte der Triebflügel funktionieren?

Ein raketengetriebener Staustrahltriebwerk an der Spitze jedes Rotorblatts würde den dreiblättrigen Flügel wie einen riesigen Propeller rotieren lassen und das Flugzeug senkrecht vom Heck abheben. Im Vorwärtsflug würde derselbe rotierende Flügel Auftrieb erzeugen. Der Pilot müsste dann rückwärts sinken und senkrecht auf dem Heck aufsetzen – eine extrem schwierige Landung.

Ist der Triebflügel jemals geflogen?

Nein. Es wurden lediglich Windkanalmodelle gebaut und getestet, angeblich bis zu einer Geschwindigkeit von etwa Mach 0,9. Der Zusammenbruch Deutschlands im Jahr 1945 beendete das Projekt, bevor ein Prototyp in Originalgröße gebaut werden konnte, sodass kein Triebflügel jemals abhob.

Warum hat Deutschland ein so seltsames Flugzeug konstruiert?

1944 sah sich Deutschland unerbittlichen alliierten Bombenangriffen und schwindenden Flugplätzen und Treibstoffreserven ausgesetzt. Senkrechtstarter wie der Triebflügel versprachen, von kleinen, versteckten Standorten ohne Start- und Landebahnen senkrecht starten zu können – eine verzweifelte Antwort auf eine verzweifelte Lage, neben anderen “Wunderwaffen”-Konzepten jener Zeit.

Wurden an der Triebwerksspitze montierte Staustrahltriebwerke jemals tatsächlich eingesetzt?

Ja, allerdings nicht beim Triebflügel. Rotoren mit Spitzenstrahl- und Staustrahltriebwerken wurden bei mehreren Nachkriegs-Experimentalhubschraubern erprobt. Sie funktionieren, sind aber durstig, extrem laut und komplex – was mit ein Grund dafür ist, dass sich das Konzept nie durchgesetzt hat.

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