Im Film Captain America, Der Bösewicht entkommt an Bord eines eleganten, schwanzlosen Nurflüglers. Es sieht aus wie Science-Fiction. Ganz erfunden ist es aber nicht: Das Design ist fast direkt von einem realen deutschen Flugzeug übernommen, das im letzten Winter des Zweiten Weltkriegs flog – der Horten Ho 229.
Die Ho 229 war der weltweit erste strahlgetriebene Nurflügler und trägt seit achtzig Jahren einen verführerischen Spitznamen: “Hitlers Tarnkappenjäger”. Es ist eine faszinierende Geschichte. Doch in den entscheidenden Punkten ist sie auch ein Mythos – und die Wahrheit ist noch seltsamer und interessanter als die Legende.
Kurzinfo
| Flugzeug | Horten Ho 229 (Horten H.IX) – Nurflügler mit Strahlantrieb |
| Designer | Reimar und Walter Horten |
| Herkunft | Nazideutschland, 1943–1945 |
| Motoren | 2 × Junkers Jumo 004 Turbojets |
| Auf dem Papier | Über 965 km/h, schwanzlos, Spannweite ca. 15 m |
| Gebaut | V1 (Segelflugzeug), V2 (Düsenflugzeug, abgestürzt), V3 (erbeutet, nie geflogen) |
| Heute | V3 wird im Smithsonian, Udvar-Hazy Center aufbewahrt. |
Das 3×1000-Problem
1943 stellte Luftwaffe-Chef Hermann Göring der Industrie die Forderung “3×1000”: einen Bomber, der 1000 Kilogramm Bomben 1000 Kilometer weit mit 1000 Kilometern pro Stunde transportieren konnte. Konventionelle Flugzeuge waren dazu nicht in der Lage. Die Brüder Horten – Reimar, das autodidaktische Konstruktionsgenie, und Walter, der Jagdflieger – glaubten, ein Ganzdeckerflugzeug könne dies leisten. Göring war so beeindruckt, dass er eine halbe Million Reichsmark für drei Prototypen bereitstellte.

Holz, Düsenantrieb und kein Leitwerk
Die Ho 229 bestand aus einem geschweißten Stahlrohrrahmen mit einer Außenhaut aus laminiertem, mehrschichtigem Holz, einem Dreibeinfahrwerk und einem um etwa 32 Grad nach hinten gepfeilten Flügel. Sie besaß kein Leitwerk – die Steuerung erfolgte über Höhenruder, Störklappen und Seitenruder. Auf dem Papier waren die Zahlen außergewöhnlich: Geschwindigkeiten von über 965 km/h, deutlich schneller als die der anderen Maschinen. Me 262, und spielen in einer ganz anderen Liga als die Kolbenmotoren P-51 Mustang bei 437 Meilen pro Stunde oder der Supermarine Spitfire mit 330 Meilen pro Stunde.
“Auf dem Papier” ist der entscheidende Ausdruck. Eine radikale Form in eine einsatzfähige Waffe umzusetzen, ist eine ganz andere Aufgabe, und die Ho 229 kam dem nie nahe.
National Geographics Dokumentarfilm über die Ho 229.
Der Flug, der es beendete
Der V1-Segelflieger hob am 28. Februar 1944 zum ersten Mal ab und flog erfolgreich. Reimar entwickelte daraufhin eine motorisierte Version, die V2, die mit zwei Junkers Jumo 004-Turbostrahltriebwerken ausgestattet war. Der Erstflug fand am 2. Februar 1945 statt, wurde bei einer Bruchlandung im zweiten Flug beschädigt und ging am 18. Februar 1945 endgültig verloren. Ein Triebwerk fiel aus; das Flugzeug stürzte spiralförmig ab, wobei Testpilot Leutnant Erwin Ziller ums Leben kam.
Der dritte Prototyp, die V3, wurde nie fertiggestellt. Nach Kriegsende in Europa einige Monate später wurde sie von General George S. Pattons Dritter Armee erbeutet und zur Untersuchung in die Vereinigten Staaten verschifft.
Der Mythos der Heimlichkeit, untersucht
Hier beginnt die Legende. Nach dem Krieg behauptete Reimar Horten, er habe Holzkohle in den Holzleim der Tragflächen mischen wollen, um Radar zu absorbieren. Eine 2009 in Zusammenarbeit mit Northrop Grumman entstandene Dokumentation taufte das Flugzeug “Hitlers Tarnkappenjäger”, und der Mythos verfestigte sich in der öffentlichen Wahrnehmung. Das Smithsonian, das das einzige erhaltene Exemplar besitzt, beschloss, dies zu überprüfen.

Die Restauratoren entnahmen Proben der Beschichtungen und untersuchten die Struktur. Ein separater Radartest von Northrop Grumman ergab, dass die Nurflügelform die Radarrückstrahlung zwar etwas reduzierte – doch Kohlenstoff im Flugzeug absorbierte Radarwellen nur schlecht, sodass die Maschine dennoch ortbar gewesen wäre. Es gab keine Hinweise auf eine bewusste Tarnkappenkonstruktion.
Die Realität der Ho 229 von ihrer Legende trennen.
Das wahre Vermächtnis
Entfernt man den Mythos, bleibt etwas Bemerkenswertes übrig: der erste jemals gebaute Nurflügler für Düsenflugzeuge, seinen Zeitgenossen in der Form, wenn auch nicht in der Reife, um Jahrzehnte voraus. Seine Silhouette ähnelt verblüffend der des … B-2 Spirit Das geschah ein halbes Jahrhundert später, und seither fasziniert es Konstrukteure. Die US-Luftwaffe schenkte die V3 1952 dem National Air and Space Museum; die sorgfältige Restaurierung begann erst 2011, und heute ist sie im Udvar-Hazy Center ausgestellt.
Die Ho 229 hat den Krieg nicht gewonnen und war auch nie ein Tarnkappenflugzeug. Was sie aber war – ein kühner, zum Scheitern verurteilter Schritt hin zu einer Form, die die Luftfahrt erst eine Generation später beherrschen sollte – ist eine viel spannendere Geschichte als der Mythos. Die Wahrheit ist hier tatsächlich unglaublicher als jede Fiktion.
Wie die Nurflüglerform der Ho 229 in späteren Flugzeugen nachhallte.
Quellen: Smithsonian Magazine; National Air and Space Museum (Kurator Russell E. Lee); Radarstudie von Northrop Grumman.




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